Sir John Eliot Gardiner pilgert mit Bachs Kantaten durch Europa und die Deutsche Grammophon begleitet ihn auf ihre Weise: mit regelmäßigen Neuveröffentlichungen seiner Kantatenaufführungen. Die Deutsche Grammophon hält sich – wie Gardiner – an den Rhythmus des Kirchenjahres: So erscheinen jetzt neu auf CD die Kantaten zu Christi Himmelfahrt – BWV 11, 128, 37 und 43 – und zu Pfingsten, BWV 34, 59, 74 und 172.
Das sind zweimal vier Kantaten aus ganz unterschiedlichen Schaffensphasen und so soll das auch klingen, meint Gardiner: “Die Gefahr ist, dass wir alles gleich machen, alles in einem homogenen Bachstil, und das wollen wir auf keinen Fall. Wir versuchen wirklich die frühesten Kantaten aus Mühlhausen, aus Weimar ganz anders zu spielen als die späteren aus Leipzig.” Die früheste dieser Serie ist die Kantate “Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten” für den Pfingstsonntag, die Bach 1714, noch in Weimar, komponierte. Alle anderen sieben Kantaten entstanden in Leipzig, je zur Hälfte in den ersten und in seinen späten Leipziger Jahren. Gardiner schwärmt von Bachs Rhythmus, besonders in der herrlichen Himmelfahrts-Kantate “Auf Christi Himmelfahrt allein” aus dem Jahr 1725.
“Im Grunde ist es sehr tänzerisch. Ich glaube, die größte Sünde, die man mit Bach begehen kann, ist, ihn schwerfällig zu interpretieren, zu steif oder zu militärisch oder zu dick. Es muss immer diese Lebendigkeit und diesen tänzerischen Rhythmus als Basis haben.” Das Gute bei Gardiner ist, dass er nicht Absichtserklärungen gibt, sondern handelt. Und dann hört man’s auch. Sogar die Rezensentin der gestrengen “Frankfurter Allgemeinen”.
Eleonore Büning war für die FAZ am Neujahrstag in der Berliner Gethsemanekirche und berichtete: “Gardiner dirigiert die (…) Bach’schen Kantaten zum Neujahrstag in seiner selbstverständlichen und unaufgeregten Weise, die mittlerweile wohl die einzig wahre Art ist, Bach zu spielen: mit Vergnügen und mit Demut. Er muss niemandem mehr etwas beweisen, was Recht oder Unrecht der historischen Aufführungspraxis angeht. Die Tempi sind schnell, Artikulationen und Klangreden perfekt, jeder einzelne Instrumentalist, die Sologambistin vornweg – und fast alle einundzwanzig Sänger ein Juwel für sich.”
So kann man unbeschwert von jeder verkrampften Rechthaberei vor den Lautsprechern sitzen und genießen.