Ein freier Geist

Sie ist charismatisch, sie ist vielseitig, sie ist eine Künstlerin am Akkordeon – Ksenija Sidorova unterzeichnet einen Exklusivvertrag mit Deutsche Grammophon und zeigt in ihrem ersten Album für das gelbe Label ein neues Bild von Carmen.

»Sidorova ließ ihr Instrument atmen wie ein lebendiges Wesen« (Financial Times)

Zahllose Künstler, Autoren und andere kluge, kreative Köpfe – von Manet und Peter Brook bis zu Nabokov und Nietzsche – wurden durch Carmen inspiriert. Jetzt präsentiert Ksenija Sidorova ihre eigene Version von der tragischen Heldin aus Bizets Oper. Die lettische Akkordeonistin, ausgestattet mit großem musikalischen Talent und ungeheurer Energie, gibt ihr Debüt bei Deutsche Grammophon mit einem Album, das von ihrer Identifikation mit Bizets femme fatale lebt. Ihre Carmen verleiht einigen der populärsten klassischen Melodien ein neues Antlitz. Für Ksenija Sidorova ist die Opernfigur Carmen vor allem »eine Projektion der geheimsten Begierden des Herzens«. Entsprechend bietet ihr Album, das von lateinamerikanischer, asiatischer, europäischer und nordamerikanischer Musik beeinflusst ist, eine berauschende Mischung aus Klangfarben und pulsierenden Rhythmen.

In Sidorovas Album Carmen, das am 3. Juni 2016 international erscheint, spiegelt sich die charismatische Persönlichkeit der aus Riga stammenden Künstlerin wider. »Carmen fasziniert mich«, stellt sie fest. »Natürlich wollte ich etwas Neues zu dieser Musik beitragen, Carmen mit anderer Stimme sprechen lassen. Das Akkordeon muss nicht atmen wie eine Sängerin, meine Bearbeitung dieser Musik unterlag also keinen Beschränkungen. Ich konnte risikobereit und leidenschaftlich sein, ganz wie Carmen, und ich konnte auf die multikulturellen musikalischen Ideen meiner wunderbaren Partner eingehen.« Ksenija Sidorovas Carmen ist auch live zu erleben. Im April beginnt sie in Dortmund eine Reihe von Aufführungen, die sie später nach Lettland und Chicago führt. »Ich denke, Menschen jeden Alters sind der Figur Carmen gegenüber aufgeschlossen, und deshalb wollte ich mit diesem Projekt auf Tournee gehen.«

Ihr Publikum anzurühren ist für Ksenija Sidorova ein besonderes Anliegen. Ein Kritiker krönte sie bereits zur »Prinzessin des Akkordeons«, ein anderer rühmte ihre »Fähigkeit, die Herzen zu erobern«. Kenner ihres Instruments feierten ihre Interpretationen – seien es Originalkompositionen von Piazzolla, Berio und Nordheim oder Arrangements von Werken von Bach, Mozart und Scarlatti. »Ich spiele gern moderne Kompositionen und neue Auftragswerke«, erklärt sie. »Aber ich denke, es ist meine Aufgabe, das Akkordeon einem breiten Publikum nahezubringen. Ich möchte Musik vieler verschiedener Richtungen aufführen, und ich möchte diese Erfahrung mit möglichst vielen Menschen teilen.«

Am 30. März 2016 gab Deutsche Grammophon Ksenija Sidorovas Exklusivvertrag mit dem gelben Label bekannt. »Wir freuen uns, eine so bemerkenswerte Künstlerin bei uns begrüßen zu dürfen«, sagte Ute Fesquet, Vice President Artists & Repertoire, Deutsche Grammophon. »Ksenija legt Herz und Seele in jede Aufführung. In ihren Händen ist das Akkordeon mehr als nur ein Instrument – es ist ihre eigene Stimme und gibt ihrer faszinierenden Persönlichkeit Ausdruck. Sie gehört zu den wirklich seltenen Interpreten, die mit der Schönheit und Vitalität ihres Musizierens Gattungsgrenzen überschreiten und die Zuhörer verzaubern können.«

Ksenija konnte die Popularität des Akkordeons mit einer Reihe von Gastauftritten bei großen Veranstaltungen erkunden. Bei der Verleihung der Classic Brits Awards 2012 war sie Partnerin des Gitarristen Miloš Karadaglić. Die Show in der Londoner Royal Albert Hall ebnete ihr den Weg für die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Avi Avital, Juan Diego Flórez, Sting, Bryn Terfel und Rolando Villazón. Im vergangenen Jahr ging sie mit einer früheren Version ihres Carmen-Projekts im Rahmen der Konzertreihe »Night of the Proms« auf Tournee. Bei diesen Großveranstaltungen begeisterte sie zehntausende Zuhörer in Belgien, den Niederlanden und Deutschland. »Es war so aufregend für mich, die Idee ›Klassik trifft Pop‹ auszuloten. Ich merkte einfach, wie offen die Menschen für diese Musik und dieses Instrument waren.«

Ksenijas Erfahrungen bei »Night of the Proms« bestätigten, was sie bereits wusste: Die Menschen lieben das Akkordeon. In Lettland gehört das Instrument zur alltäglichen Kultur. Es ist bei Hochzeiten ebenso präsent wie bei Beerdigungen oder anderen gesellschaftlichen Anlässen. Ihre Großmutter führte die sechsjährige Ksenija an das Akkordeon heran. »Meine Eltern waren zuerst nicht so begeistert«, berichtet sie. Sie fanden, das Akkordeon genieße eigentlich nicht genug Ansehen. Meine Mutter sagte: ›Warum lernst du nicht Klavier oder Geige?‹ Aber ich konnte schon ein paar Lieder spielen, die meiner Großmutter wirklich gefielen. Sie ist genauso dickköpfig wie ich und wollte nicht erlauben, dass ich das Akkordeon aufgebe!«

Eines Nachmittags beschloss Ksenijas Mutter spontan, die musikalischen Fähigkeiten ihrer Tochter an der benachbarten Musikschule prüfen zu lassen. »Man war dort zunächst erstaunt, denn normalerweise spielen Leute Akkordeon, die am Klavier gescheitert sind!« Die begabte Achtjährige hinterließ bei ihrem Vorspiel tiefen Eindruck und wurde zum Studium bei Marija Gasele geschickt. »Sie war eine so wunderbare Lehrerin und wie eine zweite Mutter für mich«, sagt Ksenija. Nach zehn Jahren erkannte Gasele, dass es für ihren Schützling an der Zeit war, einen anderen Lehrer zu finden. »Durch lettische Freunde hörte ich zufällig von der Akkordeon-Klasse an der Royal Academy of Music. Sie machten mich mit dem Professor dort bekannt, ich schickte ihm meine Demo-CD, und er lud mich zum Vorspielen ein.«

Bei ihrer Ankunft in London musste Ksenija feststellen, dass sie nicht zu einem informellen Treffen gekommen war, sondern die gefürchtete Aufnahmeprüfung der renommierten Musikhochschule absolvieren sollte. »Ich hatte solche Angst, dass ich weglaufen wollte! Aber ich spielte und wurde noch einmal gebeten, dem Rektor vorzuspielen, der mir dann ein Stipendium gab.« 2005 trat Ksenija in die Academy ein, um bei Owen Murray zu studieren, einem der international führenden Pioniere des klassischen Akkordeons. Als Studentin bereits preisgekrönt schloss sie ihr Studium mit Auszeichnung ab. 2009 gab Ksenija ihr Debüt in der Wigmore Hall und im Januar 2010 wurde sie von der Londoner Times als »eine wirkliche Entdeckung« der prestigeträchtigen Park Lane Group Young Artists New Year Series gefeiert.

Ksenija Sidorovas frühe Karriere erhielt weiteren Auftrieb, als ihr 2012 der erste International Award der Bryn Terfel Foundation zuerkannt wurde. Der große walisische Bassbariton lud sie später ein, bei dem Konzert mitzuwirken, das im Oktober letzten Jahres anlässlich seines 50. Geburtstags in der Royal Albert Hall stattfand. »Ich führte Stings Roxanne vor Jahren mit Bryn auf«, berichtet sie. »Als ich den Preis von seiner Stiftung erhielt, versprach er mir, dass wir den Song eines Tages gemeinsam mit Sting aufführen würden. Ich dachte überhaupt nicht mehr daran, aber Bryn hielt Wort. Es war fantastisch, mit Sting und Bryn Terfel aufzutreten! Dieses Erlebnis bestärkte mich in dem Glauben, dass es an der Zeit sei, dem Akkordeon ganz neue Bereiche und Zuhörer zu erschließen. Das Projekt Carmen, das mir so viel bedeutet, hat die Kraft, das zu tun.«